Die digitale Transformation der Wirtschaft schreitet voran, trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, wie im ersten Teil dieser Recherche festgestellt wurde. Die Aufmerksamkeit der Unternehmen scheint sich in den vergangenen zwei Jahren jedoch deutlich in Richtung künstliche Intelligenz verlagert zu haben. Denn KI wird ein ähnlich hohes Transformationspotenzial zugesprochen wie einst Cloud Computing oder dem World Wide Web.
Allein die Geschwindigkeit, mit der die KI in der Industrie angenommen wird, ist beispiellos. Einer Umfrage des Bitkom vom Oktober 2024 zufolge hat jedes fünfte Unternehmen (20 Prozent) in Deutschland KI in irgendeiner Form bereits im Einsatz, bei weiteren 37 Prozent wird der Einsatz geplant oder diskutiert. Vor einem Jahr war KI erst bei 15 Prozent der Unternehmen im Einsatz, 2022 nur neun Prozent. Keine andere Technologie hat sich zuvor so schnell in den Unternehmen und am Arbeitsplatz verbreitet.
Auch die Investitionsbereitschaft der Unternehmen in KI ist ungewöhnlich hoch. Laut Bitkom wollen in den kommenden Jahren 74 Prozent der befragten Unternehmen in KI investieren, insbesondere in generative KI (GenAI). Diejenigen, die GenAI bereits einsetzen, sprechen von schnelleren und präziseren Problemanalysen (70 Prozent) sowie von beschleunigten Prozessen (63 Prozent). Für 62 Prozent liefert generative KI Expertenwissen, das sonst nicht im Unternehmen verfügbar ist, und 55 Prozent sehen eine gestärkte Wettbewerbsfähigkeit.
In KI investieren, aber planvoll
Die wichtige Rolle der KI bei den Transformationsbemühungen der Unternehmen ist damit unbestritten. „KI hilft Unternehmen, ihre Digitalisierungsziele zu erreichen, indem sie die Effizienz steigern, Wachstum fördern und fundierte Entscheidungen unterstützen kann“, bestätigt Florian Müller, Partner und Leiter der EMEA Advanced Analytics Group bei der Unternehmensberatung Bain & Company in München. „Forschung und Entwicklung profitieren durch schnellere Innovationen, bei den Finanzen die Planung und das Risikomanagement. Diese Anwendungen ermöglichen sowohl kurzfristiges Wachstum und Einsparungen als auch langfristige Wettbewerbsvorteile.“
Die richtige Strategie für den Einsatz von KI zu finden, scheint allerdings nicht ganz so trivial zu sein. „Großem Hype folgt große Ernüchterung“, warnt Oliver Laitenberger, Geschäftsführender Partner bei der Management-Beratung Horn & Company. Dass KI die Geschäftswelt verändern kann, sei unbestritten, doch die Kosten seien momentan noch hoch und der tatsächliche Nutzen bzw. ROI schwer zu messen. „Wie viel Effizienz bzw. Wachstum wird durch den Einsatz von Copilot, ChatGPT und Co. tatsächlich realisiert, z.B. in Form von sinkenden Personalkosten? Kaum ein Unternehmen, das diese einfache Frage beantworten kann“, gibt er zu bedenken.
Als Baustein der Digitalisierungsstrategie müsse auch KI zuallererst mit einem „Why?“ hinterfragt werden, empfiehlt der Strategieberater und Autor Volker Johanning. „Nur weil alle Vorstände das gerade ‚modern‘ finden, muss es nicht die aktuell optimale Strategie in ihrem Unternehmen sein. Denn vielleicht sind gerade andere Themen dringender.“ Johanning rät daher zu einem Use-Case-basierten Ansatz: „Gehen Sie systematisch alle Bereiche Ihres Unternehmens durch und überlegen Sie, wo aktuell wiederkehrende Tätigkeiten stattfinden und wie diese durch KI gelöst werden können.“
Die Wertschöpfung liegt in der Mitarbeiterproduktivität
„Die Prinzipien wirtschaftlichen Erfolgs werden sich nicht fundamental ändern“, erklärt Prof. Dr. Martin Klaffke von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Wie immer bei technischen Neuerungen, sollten Unternehmen prüfen, wie sie KI bestmöglich für ihr gegenwärtiges Geschäftsmodell oder dessen Erweiterung nutzen können. Für ihn, ebenso wie für die meisten anderen Experten, liegt das wahre Potenzial der KI momentan in der Steigerung der Mitarbeiterproduktivität.
„KI erlaubt es, Arbeit auf die Themen zu fokussieren, in denen der Kern von Wertschöpfung und Wettbewerbsvorteil liegt“, sagt Klaffke. Dies seien oftmals kreative oder sozio-emotionale Aufgaben. „Auch das kreative Geschehen wird durch KI auf eine neue Stufe gehoben, indem etwa Zeit für Vorarbeiten eingespart wird und diese für die wirklich kreative Arbeit genutzt werden kann. Hieraus ergeben sich sowohl Effektivitäts- als auch Effizienzgewinne für Unternehmen.“
„Sehr effiziente Beispiele liefert KI zum Beispiel im Bereich Online-Marketing“, weiß Volker Johanning. „Unternehmen können zum Teil wesentlich schneller und effektiver Kampagnen planen, in dem die KI Headlines, ganze Stories/Blogbeiträge und die richtige Vermarktung der Kampagne optimal vorgeben kann. Das spart Kosten und sorgt schnell für bessere und mehr Leads und damit potenzielle Umsatzchancen.“
„Durch KI kann man sich viel schneller in neue Themen einarbeiten, weil sie zu vielen Themen Überblick und Einordnung geben kann“, sagt Konrad Krafft, Mitgründer und Geschäftsführer des Software-Dienstleisters doubleSlash. „Außerdem kann sie helfen, die Qualität zu erhöhen, weil ich dadurch nicht alle Unternehmensstandards auswendig lernen muss, sondern die KI mir dabei hilft, diese einzuhalten, ohne die Details zu kennen.“
Mitarbeiterfortbildung ist dringend nötig
Damit sich all diese Produktivitätsgewinne tatsächlich einstellen, muss allerdings das Zusammenspiel zwischen Mensch und KI optimiert werden – und hier ist momentan reichlich Luft nach oben. Vor allem fehlt es an Wissen im Umgang mit KI als Werkzeug. Laut dem Digital Maturity Report 2024 von Docusign bestätigen 62 Prozent der befragten Mitarbeiter Kompetenzlücken in Sachen KI, und nur 32 Prozent der Unternehmen fühlen sich tatsächlich auf den Einsatz von KI vorbereitet. Gleichzeitig bestätigt die Herbstausgabe des Workforce Index Reports von Slack eine große Bereitschaft seitens der Arbeitenden, sich weiterzubilden. So sehen drei von vier der rund 17.000 befragten digital Arbeitenden es als dringlich, KI-Expertise aufzubauen, vor allem im Interesse der eigenen Karriere.
Viele Arbeitende haben bereits die Initiative ergriffen und experimentieren auf eigene Faust, auch am Arbeitsplatz, und wenn es sein muss an der eigenen IT vorbei. Laut Bitkom nutzen in rund jedem dritten Unternehmen (34 Prozent) in Deutschland Beschäftigte GenAI-Tools wie ChatGPT oder Perplexity mit ihrem privaten Account. Doch die Firmen reagieren bereits. „Viele Unternehmen haben sich bereits mit Workshops und Town-Hall-Veranstaltungen auf den Weg gemacht und befassen sich mit KI“, sagt Oliver Laitenberger. „Einige haben neben den öffentlich verfügbaren Tools Copilot oder ChatGPT bereits unternehmensinterne Sprachmodelle aufgebaut. Die Frage ist offen, wie der Nutzen am einzelnen Arbeitsplatz auf den Gesamtnutzen des Unternehmens durchschlägt.“
In diesem Kontext sollten Unternehmen auch die zukünftigen Kompetenzen der Mitarbeitenden ermitteln, empfiehlt Prof. Martin Klaffke. „Dies wird sowohl ein breites Upskilling der Belegschaft als auch selektive Neueinstellungen bedingen. Unerlässlich ist auch eine strategische Personalplanung, die systematisch Kompetenz- und Kapazitätsbedarfe rechtzeitig identifiziert und somit personalwirtschaftliche Risiken aufdeckt und bewältigen lässt“, so Klaffke.
Das Gute an KI ist, dass sie auch in Sachen Fortbildung einen Beitrag leisten kann. „KI kann individualisiertes Lernen und die Personalentwicklung, z.B. durch KI-gestützte Lernplattformen, mit personalisierten Weiterbildungsinhalten unterstützen, die auf den spezifischen Kenntnisstand und Lernbedarf der Mitarbeiter abgestimmt sind“, sagt Stefan Pechardscheck, Partner bei der Unternehmensberatung BearingPoint. Auf diese Weise können nicht nur die Mitarbeiter gezielt gefördert werden, sondern Unternehmen haben auch die Chance, einen langfristig angelegten Personalplan auf Basis der benötigten Fähigkeiten erstellen.
